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04.08.2009 Bestimmte Autoren nicht mehr lesenswert?

Daniel Kehlmann, einer der handverlesenen Autoren, dem auch außerhalb seiner eigenen Bücherwelt zuzuhören ist, äußerte kürzlich in seiner Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele unumwunden seine Mißbilligung der heutigen Regie-Theater und deren Regisseure, die klassische Stoffe oft unerträglich verfremdeten und mehr ihre Selbstverwirklichung im Schilde führten als die kunstfertige, vorlagengetreue Aufführung der Werke. Er berichtete in diesem Zusammenhang von seinem Vater, einem Theaterregisseur alter Schule, der seine Arbeit verlor und ins Abseits geriet, weil er sich diesem scheinbar unaufhaltsamen Trend nicht anschließen wollte und konnte.

Kehlmanns Kritik dürfte, genaugenommen, im übertragenen Sinne auch nicht vor Reich-Ranicki haltmachen, der erst vor wenigen Tagen zu einem Schriftsteller anmerkte, dessen Schaffenszeit weit zurückliegt, dieser sei inzwischen „nicht mehr lesenswert“.
Hier irrt der große Literaturkritiker gewaltig, und es verwundert schon arg, daß gerade ein so belesener Kopf derartige Gedanken äußert. Was soll mit „nicht mehr lesenswert“ zum Ausdruck gebracht werden? Demnach einst gefällig, einst literarisch, einst lesenswert? Und nun nicht mehr? Weil nicht mehr zeitgemäß, nicht aktuell in Sprache und Thematik, nicht modern genug? Wie anders läßt sich dieses „nicht mehr lesenswert“ sonst interpretieren?

Folgte man seinen Überlegungen, wären fortan noch andere Autoren auszusortieren, dem Vergessen anheimzugeben. Vielleicht bei Homer anfangen? Oder Sophokles, Diogenes? Oder Chamisso? Oder Novalis? Warum nicht auch Goethe? Sein „Werther“ hat ein Deutsch als Grundlage, das nun wirklich nicht mehr in die heutige Zeit paßt. Oder wie wäre es mit Joseph von Eichendorff? Oder Wilhelm Hauff, Clemens Brentano, Annette von Arnim? Oder Friedrich de la Motte Fouqué? Alles heute nicht mehr lesenswert? Mitnichten! Was hervorragende Literatur in ihrer jeweiligen Zeit war, wird es bleiben, auf Dauer. In den Kontext ihrer Epoche gestellt, den seinerzeitigen Umständen zugeordnet, wird sie nichts von ihrer Schönheit und Einzigartigkeit verlieren.

Wenn man von uns und auch von Reich-Ranicki und seinen Fachbüchern samt Biographie längst nichts mehr weiß, wenn alle Spuren unseres Lebens getilgt sind, werden die vergangenen, die früheren Romanciers, Dramatiker, Lyriker, Erzähler immer noch gelesen werden. Sie werden es bleiben auf Dauer: "lesenswert".



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