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Buch des Monats


Hier stellen wir Ihnen "Das Buch des Monats" vor. Die Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, sie orientiert sich auch nicht an den gängigen Publikationen über die aktuelle literarische Szene, sondern spiegelt einzig und allein die subjektive Meinung und das Literaturverständnis der Redaktion wider.

Wir werden uns zwar immer alle erdenkliche Mühe bei unserer Auswahl geben. Gleichwohl können wir nicht ausschließen, daß unser ausgesuchtes Buch des Monats nicht immer ungeteilten Beifall findet. Doch dieses Risiko wollen wir in Kauf nehmen.




Das Buch des Monats Juni 2014
Titel: Plankton
Autor(en): Walter Kempowski
Verlag: Knaus (832 Seiten / € 49,99)
ISBN-Nr.: 3813505139

Walter Kempowski suchte immer die Nähe der Menschen, befragte sie, ohne neugierig zu sein, schrieb auf, was sie ihm erzählten, ließ sie aus ihrem Leben, aus ihrem Alltag berichten, er nahm sie ernst, wußte er doch, welch unvergleichliche, welch unersetzliche Fundgrube das Wissen, das Erlebte der Menschen darstellen für die Geschichte, für das Verständnis des Landes.

In „Plankton“ wurden nun schier unzählige seiner hinterlassenen Aufschreibungen, die er in vielen Jahrzehnten zusammentrug, als eine Art Vermächtnis veröffentlicht. „Plankton fischen“ bezeichnete er diese von ihm zeitlebens mit Leidenschaft betriebene Passion.

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Walter Kempowski (* 29.4.1929 Rostock, + 5.10.2007 Rotenburg/Wümme) zählt zu den Autoren, die sehr spät, mitunter erst nach ihrem Tod die Anerkennung fanden, die ihnen zeitlebens ein ignoranter, zeitgeistorientierter Literaturbetrieb verweigerte. So erging es auch Kempowski. Inzwischen weiß man um seine immense Bedeutung, um die vor allem historische Tragweite seines Lebenswerkes. Er wird als großer Chronist der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in die deutsche Literaturgeschichte eingehen. Denn wie nicht allzuviele Literaten wandte er sich, nach spätem Abitur, Studium und einigen Jahren Lehrertätigkeit, sogleich der schriftstellerischen Verarbeitung und Bewältigung der düsteren Vergangenheit Deutschlands zu, die sich wie ein roter Faden durch fast sein gesamtes literarisches Schaffen ziehen. Die Geschehnisse im Osten, die anschließende Flucht und Vertreibung nehmen hierbei einen besonderen Raum ein. Schon vom Alter her konnte Kempowski nicht alles selbst mitangesehen haben, über das er später schrieb. Doch er trug mit unglaublicher Beharrlichkeit und Akribie unzählige Aufzeichnungen, Briefe, Bilder und Berichte der Menschen zusammen, die jene Vorkommnisse am eigenen Leibe erlebten.

Noch 1945 wurde er, wenige Wochen vor Kriegsende, als 15-jähriger Hitlerjunge zur Wehrmacht eingezogen und überlebte das Inferno. 1948 geriet er bei einem Besuch seiner in Rostock verbliebenen Mutter in die Hände des russischen NKWD, weil er angeblich mit amerikanischen Diensten zusammengearbeitet hatte. Bis heute wurde nicht zweifelsfrei geklärt, ob er tatsächlich den Amerikanern über die Verhältnisse in der sowjetischen Besatzungszone berichtete; ein justitiables Delikt nach unseren Maßstäben wäre es ohnehin nicht gewesen. Er wurde zu fünfundzwanzig Jahren Haft verurteilt, von denen er acht Jahre im berüchtigten Zuchthaus Bautzen absaß. Über diese Zeit schrieb er seinen ersten Roman, der nach längerer Verlagssuche und mehrfachen Überarbeitungen – der neugegründete, einflußreiche Schriftstellerkreis „Gruppe 47“ stand seiner autobiographisch geprägten Schilderung eher ablehnend gegenüber – 1969 unter dem Titel „Im Block“ veröffentlicht wurde.

Viele Literaturinteressierte halten Walter Kempowski für einen der wichtigsten deutschen Autoren der letzten fünf Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts, bedeutsamer, das Nachkriegsdeutschland prägender als zum Beispiel Grass oder Walser, deren Arbeiten er selbst nicht sehr schätzte. Als Kempowski, der bis zum Schluß ein unbequemer, kritischer Geist blieb, im Herbst 2007 starb, verstummte mit ihm ein weiterer der wenigen maßgeblichen, ernstzunehmenden Zeitzeugen jener unseligen Epoche. Er war Ehrenbürger seiner Heimatstadt Rostock, wurde unter anderem ausgezeichnet mit dem Großen Bundesverdienstkreuz.

Walter Kempowski zählt zu den wenigen wirklich Großen der jüngeren deutschen Geschichte. Als Mensch, als Autor, als Zeitzeuge.




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