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Buch des Monats


Hier stellen wir Ihnen "Das Buch des Monats" vor. Die Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, sie orientiert sich auch nicht an den gängigen Publikationen über die aktuelle literarische Szene, sondern spiegelt einzig und allein die subjektive Meinung und das Literaturverständnis der Redaktion wider.

Wir werden uns zwar immer alle erdenkliche Mühe bei unserer Auswahl geben. Gleichwohl können wir nicht ausschließen, daß unser ausgesuchtes Buch des Monats nicht immer ungeteilten Beifall findet. Doch dieses Risiko wollen wir in Kauf nehmen.




Das Buch des Monats Januar 2014
Titel: Das Leben und die Ansichten des Tristram Shandy, Gentleman
Autor(en): Laurence Sterne
Verlag: Diogenes (816 Seiten zu 9 Bänden zusammengefaßt / € 14,90)
ISBN-Nr.: 3-257-20950-1

Wer ein äußerst ungewöhnliches Buch lesen will und den Mut und die Geduld dazu aufweist, muß zu „Tristram Shandy“ greifen. Gleich vorweg: Es zählt zur Weltliteratur, mit ihm befaßten sich bzw. es inspirierte und beflügelte so bedeutende Literaten und Geisteswissenschaftler wie Diderot, Goethe („Sterne war der schönste Geist, der je gewirkt hat; wer ihn liest, fühlt sich sogleich frei und schön; sein Humor ist unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele.“), Jean Paul, Heine („Der Verfasser des ‚Tristram Shandy’ zeigt uns die verborgensten Tiefen der Seele; er öffnet eine Luke der Seele, erlaubt uns einen Blick in ihre Abgründe, Paradiese und Schmutzwinkel und läßt gleich die Gardine davor wieder fallen.“), Joyce, Virginia Woolf, Thomas Mann, Lessing, Wieland, Nietzsche. Es erschien in neun Bänden in der Mitte des 18. Jahrhunderts und spaltete als erstes die damalige literarische Welt in Ablehner und Befürworter, wobei letztere sich im Laufe der Zeit durchsetzten. Heute ist das Werk längst weltweit anerkannt. Und es wird noch gelesen und besprochen werden in vielen, vielen Jahren, wenn von den allermeisten der heutigen Stammelsatz- und Lakonie-Autoren niemand mehr etwas weiß.

Laurence Sterne (1713 in Irland geboren, 1768 in London gestorben) kam aus ärmlichen Verhältnissen, wurde Pastor, begann erst 1758 – nach damaliger Lebenserwartung – im Herbst seines Lebens mit dem Schreiben, schrieb das eine oder andere, doch das Buch seines Lebens wurde „Tristram Shandy“, das weder Roman noch Erzählung im klassischen Sinne ist. Seinen Erzähler, eben jenen Tristram Shandy, läßt er zwar erzählen, doch man sucht oft vergeblich nach einer erkennbaren Struktur, nach einem geordneten Aufbau.

Tristram Shandy, über dessen eigenes Leben man kaum etwas Genaueres erfährt, berichtet aus der Zeit von 1713 bis 1718, wobei Onkel Toby einer seiner Hauptprotagonisten ist. Mal gehen die Kapitel, in die Sterne seine Texte einbindet, über eine Reihe von Seiten, dann wiederum sind sie kurz, manchmal nur wenige Sätze lang.

Sterne, besser: Tristram Shandy schreibt, was ihm einfällt, Gedanken, Überlegungen, Handlungsanweisungen, Gebrauchsanweisungen, Erotisches, läßt sich aus über Gesellschaft, Land und Leute, hält ihnen den Spiegel vor, und das bisweilen ziemlich grob, nahe am Pornographischen, befaßt sich mit Ärzten, Geburten, Kriegen, Postkutschen, Hausmädchen, Nasen, Brüsten, Jungfräulichkeit, Avignon, die Belagerung von Namur, Spermatozoen, Goten, Hosen, läßt so gut wie nichts aus, befaßt sich mit allem, was ihm oder seinem Onkel Toby durch den Kopf geht, und das ist eigentlich die gesamte Gesellschaft, die ganze Welt in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Wunderbar geschrieben in der zeitgenössischen Art, ebenso wunderbar ins Deutsche übertragen.

Laurence Sterne teilt das Schicksal nicht weniger Poeten zu allen Zeiten. Er starb berühmt, aber verarmt und einsam.

Hinweis:
Vorherige "Bücher des Monats" können Sie weiterhin in unserem Archiv einsehen.




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